Axel

Es ist Samstag, der 23.12. 2023. Axel hat die Kinder Müll sammeln geschickt.

Sie sollen einmal um’s Karree gehen und gemeinsam alle herumliegenden Verpackungen in eine große Mülltüte sammeln. Vier Straßen, ein perfektes Quadrat. Er ist sich sicher, dass die Tüte voll sein wird, wenn sie zurückkommen.

Nicht so sicher ist sich Axel darüber, ob das Ganze eine gute erzieherische Maßnahme ist. Aber er kann einfach keine weihnachtlichen Gefühle entwickeln, wenn die Bürgersteige so vollgemüllt sind. Schlimm genug, wenn es einen Tag vor Weihnachten 17 Grad warm ist. Im Rewe lief heute „Jingle bells“. Überall in der Stadt lagen Weihnachtsbäume hinter schiefen Bauzäunen im Nieselregen und warteten. Axel hat im September angefangen, Lebkuchen zu essen und Mitte November genervt wieder damit aufgehört. Wenigstens sollen jetzt die Bürgersteige glänzen.

Die Kinder maulen. Luna sagt: „Papa, bitte nicht schon wieder Müll sammeln! Hast Du nicht eine andere Aufgabe für uns? Wir könnten ja Wäsche aufhängen. Oder unser Zimmer aufräumen oder so.“ Axel bleibt hart. Ökologisch Leben ist die Aufgabe der Zukunft. Irgendwann ziehen die Mädchen dann doch laut singend ab. Axel hat ihnen versprochen, dass sie bei ihrer Rückkehr gemeinsam Plätzchen backen werden.

Axel holt schon mal die Butter aus dem Kühlschrank und lässt sie antauen. Es ist echte Butter, weil er nicht sicher weiß, ob man die Kipfel auch mit veganem Block zubereiten kann.

Jetzt beobachtet er schon seit einer Weile die Butter beim Weichwerden. Die Kinder kommen nicht wieder. Nach 30 Minuten wirft Axel der Butter einen Abschiedsblick zu, zieht sich seine Schuhe an und geht sie suchen.

Die beiden großen Mädchen kommen ihm schlendernd entgegen. Sie haben keine Mülltüte dabei.

„Aaaah, die haben wir bei Rewe liegen gelassen. Sie war schon ziemlich voll.“

„Und wo ist Marie?“

„Marie wollte nicht mehr mit uns laufen, weil wir angeblich immer über sie bestimmen. Dabei haben wir nur gesagt, sie soll nicht mit geschlossenen Augen über die Straße rennen.“

„Das hat sie gemacht?“

„Ja, sogar mehrmals! Dann kam eine Frau und hat ihr gesagt, dass das gefährlich ist. Marie hat sie angeschrien und ihr gesagt, sie darf ihr gar nichts sagen, sie ist ja nicht ihre Mama. Und dann hat sie es extra noch mal gemacht!“

Luna und Sophie eilen weiter, sie wollen schon mal mit dem Teig beginnen.

In diesem Moment ruft eine unbekannte Nummer an. Axel geht ran, eine kalte Frauenstimme teilt ihm mit, dass seine Tochter bei ihr sei. Sie habe ihr die Nummer auswendig gesagt. An der nächsten Kreuzung holt Axel Marie ab, die trotzig pfeifend neben der eleganten, konsterniert dreinblickenden, fremden Frau steht.

Axel nimmt Marie an sich und murmelt eine vage Entschuldigung in Richtung der Frau, die hinter ihnen in Zeitlupe den Kopf schüttelt. Marie läuft zufrieden an seiner Hand und summt. Sie schlängeln sich durch den Irrgarten aus rot-weißen Bauzäunen, die scheinbar völlig willkürlich Teile des Gehweges abzäunen. Auf den Fußboden vor dem Biomarkt hat jemand „Grün ist das neue braun“ gesprüht.

Axel denkt kurz darüber nach. Ihm ist warm und ein bisschen elend. Er ist nachher noch zum Glühweintrinken auf dem Lucia-Weihnachtsmarkt verabredet und beim Gedanken daran bricht ihm erst recht der Schweiß aus.

Währenddessen erzählt ihm Marie begeistert von ihrer Lehrerin, deren Mann aus Island oder so sei und dass sie deshalb mit ihm Weihnukka feiert, zwei Feste in einem. Axel fragt, ob sie vielleicht Israel meint, aber Marie ist sich sicher, dass der Mann aus Island kommt. Sie möchte auch Weihnukka feiern. Sie beschreibt ihm genau den siebenarmigen Leuchter und wie man die Kerzen der Reihe nach anzündet und Axel ist berührt von ihrer Leidenschaft.

Der Müllbeutel ist nirgendwo zu finden, jedenfalls nicht bei den Rewe-Kassen. Der Security-Dude schaut herausfordernd und Axel zieht Marie aus dem Rewe, während sie überall sorgfältig den Boden nach Kleingeld absucht.

Als sie nach Hause kommen, haben die Großen das gerade erst für das morgige Fest aufgeräumte Wohnzimmer in ein ruhmvolles Chaos verwandelt und Axel ist zu müde zum Schimpfen.

Die Yucca-Palme ist geschmückt mit den alten Weihnachtskugeln von Oma Ludmila, ein paar Küchenutensilien wie bei Petterson und Findus und sogar zwei Fabergé-Eier hängen daran, von denen niemand weiß, woher sie stammen. Ein selbstgebastelter Engel thront ganz oben und droht herabzustürzen. Axel bastelt mit Marie einen Weihnukka-Leuchter aus einem alten Ikea-Stuhl. Zum Glück ist der Akkuschrauber geladen. Er sucht den Feuerlöscher und stopft ihn hinter die Palme, sicher ist sicher.

Beim Kipfelbacken schauen sie wie immer „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und langsam, ganz, ganz langsam, entspannt sich das müde Gesicht von Axel und er spürt ein paar Tränen aufsteigen, über den warmen Nieselregen am Fenster, über die Kriege und das Leid. Auch über seine Rückenschmerzen und darüber dass die Schauspielerin Libuše Šafránková, die das Aschenbrödel spielt, jetzt schon seit zwei Jahren tot ist. Sein ganzes Leben war Axel ein bisschen verliebt in sie.

Und dann entspannt er sich noch mehr und macht auf dem iPhone ein altes spanisches Weihnachtslied an und umarmt seine Kinder erst einzeln und dann alle zusammen und sie machen es dunkel und noch dunkler und tanzen ganz lange und wild in der finsteren Küche, bis sie vor Lachen nicht mehr tanzen können.

Axel